Verfasst von: Michael | September 17, 2011

Mobiltelefone in Japan: Schmuck, Allzweckwerkzeug, Fetisch

In Deutschland besitzt und verwendet nahezu jeder ein Mobiltelefon, manche auch zwei (für Geschäft) oder drei (die Geliebte(n)) . Das ist in Japan nicht anders, aber hier sind die Mobiltelefone wesentlich präsenter. Egal ob beim Warten auf den Zug am Bahnhof, beim Anstehen in einer Schlange, beim Spaziergang in der Fußgängerzone oder an einer Ampel – man sieht immer, überall, jemanden tief in Konzentration auf sein Mobiltelefon versunken.

Die Geräte werden nicht nur zum Telefonieren, sondern auch

  1. zum Bezahlen u.a. im Supermarkt und im Convenience Store („kombini“ auf japanisch),
  2. zum Surfen im Internet,
  3. zum Abfotografieren von Werbe- und Infocodes,
  4. als Landkarte und zum Nachschlagen von Wegbeschreibungen
  5. und zum Schreiben von Emails verwendet.

Für das Bezahlen sind die meisten Mobiltelefone beispielsweise mit einer standardisierten, kabellosen Schnittstelle ausgerüstet, die als „keitai zaifu“ (auf deutsch etwa „Handy-Geldbörse“) bekannt ist. Die Mobiltelefone werden dafür wie eine Art Prepaidkarte aufgeladen, quasi wie, als würde man sein „digitales Portemonnaie“ füllen. Das hat den Vorteil, dass kein (allzu schlimmer) Schindluder mit dem Mobiltelefon getrieben werden kann, falls es mal gestohlen werden sollte. In den Läden, in denen man mit diesem System bezahlen kann, haben die Registrierkassen vorne eine kleine Schale, wo man sein Handy reinlegen kann. Nach ein, zwei Sekunden blinken Kasse und Handy dann auf, der zu bezahlende Betrag wird vom Guthaben auf dem Handy abgebucht und man kann den Laden mit seinen Einkäufen verlassen.

Die Benutzung vom Internet auf Mobiltelefonen hat bei uns Westen erst so richtig mit dem iPhone und der neuen Generation von Smartphones angefangen. In Japan ist das mobile Internet jedoch schon seit über zehn Jahren ein fester Bestandteil des Alltags der meisten Menschen. Jugendliche und Kinder sind über ihre Mobiltelefone in Internetforen und auf den Homepages der gerade angesagten Musiker unterwegs und die Erwachsenen lesen über ihre Mobiltelefone die aktuellen Nachrichten oder schlagen Informationen nach. Diese ständige Verfügbarkeit, der sehr konsistente Funknetzausbau und die hohe Akzeptanz der japanischen Bevölkerung für neue Technologien haben unter anderem folgende, mittlerweile sehr weit verbreitete Technologie möglich gemacht:

Die sogenannten QR Codes (engl. „Quick Response“, d.h. „schneller Zugriff“). Das sind spezielle Codemarker, die mit einem Mobiltelefon abfotografiert werden können und die beispielsweise eine Internetadresse, eine Telefonnummer oder eine Textnachricht enthalten können. In Japan sieht man das auf vielen Werbeplakaten, Einwurf-Postsendungen und auch auf Flyern, die z.B. in den Fußgängerzonen ausgehändigt werden. Man kann dann, wenn man die abfotografiert, dadurch direkt auf die jeweilige Homepage gehen, ohne die Adresse dieser Homepage erst mühsam eintippen zu müssen. Und auf den Flyern und der Werbung sind diese Codes manchmal eine Art Gutscheinkarte, d.h. wenn man die abfotografiert, leiten die einen zu einer Webseite weiter, wo zum Beispiel ein Gutscheincode für einen Onlineshop, ein Restaurant oder eine Kinokarte auf einen wartet. Der QR Code auf dem obigen Foto ist höchstwahrscheinlich auf einem Grabstein angebracht und verlinkt auf eine vom Bestattungsinstitut eingerichtete Gedächtnis-Internetseite für den Verstorbenen. Einige Bestattungsinstitute haben in den letzten Jahren angefangen, derartige Dienste anzubieten, und stellen gegen eine pauschale Gebühr eine Internetseite zur Verfügung, auf der die Hinterbliebenen digitale Bildergallerien sowie ein Kondolenzbuch führen können.

Die meisten japanischen Mobiltelefone sind Klappmodelle wie auf dem obigen Foto. Da das Mobilfunknetz in Japan zudem sehr lange einen anderen Übertragungsstandard als die europäischen und amerikanischen Netze verwendet hat, stammen die meisten Mobiltelefone hier von japanischen Herstellern. Neuere Geräte wie etwa das iPhone 4 können hier zwar benutzt werden, aber weil diese meistens keine echte Tastatur haben und weil die Eingabe für Japanisch bei weitem nicht so gut funktioniert wie bei den japanischen Geräten, sind sie nicht so weit verbreitet. Die meisten Mobiltelefone hier stammen deshalb von einem einzigen Hersteller, der gleichzeitig auch der größte Mobilfunkanbieter im Land ist. Die Tarife sind übrigens recht teuer – ein Schelm, wer da einen Zusammenhang vermutet.

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Eine weitere Sache, in der sich japanische Mobiltelefone von denen in Europa und Amerika unterscheiden, ist die Verzierung. Man kann hier in sehr vielen Geschäften (und insbesondere auch in Souvenirläden) kleine, besonders robuste und fest klebende Aufkleber kaufen, die für die Befestigung am Mobiltelefon gedacht sind. Neben Cartoonfiguren, Tieren, Blümchen- und Kirschblütenmustern oder Glittersternchen werden auch traditionellere Designs wie japanische Familienwappen (siehe das untere linke und die beiden rechten Mobiltelefon) angeboten. Verwendet werden die Sticker sowohl von Männern als auch von Frauen, wobei sie insbesondere bei den jüngeren Mädchen weitaus beliebter sind und die Mobiltelefone da teilweise bis zur Unbenutzbarkeit zugekitscht werden.

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Neben den Aufklebern werden auch kleine Anhänger für die Individualisierung der Geräte verwendet. Einige davon sind funktionell, d.h. sie leuchten beispielsweise kurz auf, wenn das Gerät eine SMS empfängt, die meisten Anhänger sind jedoch lediglich zur Zierde am Gerät befestigt. Die Auswahl bei diesen Anhängern ist immens groß und übertrifft bei weitem die Auswahl der Sticker. Viele Touristenattraktionen, Tempel und historische Sehenswürdigkeiten bieten in den Souvenirläden Anhänger mit Bezug zur Sehenswürdigkeit an.

Die Anhänger werden dann als Erinnerungsstück am Mobiltelefon festgebunden, was bisweilen so krass übertrieben wird, dass die Masse der Anhänger wesentlich mehr wiegt als das Mobiltelefon selbst. Man munkelt übrigens, dass das iPhone in Japan deswegen kein Erfolg gewesen sein soll, weil es keine Halterung zum Befestigen dieser in Japan sehr beliebten Anhänger hat.

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